Differentialwartung Kyosho Inferno MP7.5

Bevor es losgeht: Alle Arbeiten am Auto müssen laut beiliegender Anleitung des Herstellers ausgeführt werden! In der folgenden Hilfestellung veröffentlichen wir unsere Erfahrung von Arbeiten an unseren Modellen. Wir können daher nicht für Probleme haften, die durch unsachgemäße Wartung entstehen! Jeder ist für seine Arbeit selbst verantwortlich, zusätzlich sind Abweichung bei einzelnen Modellen bzw. Bauteilen möglich.

Viele Leute schrecken sich gerade nach dem Einstieg in den Modellbau vor größeren Zerlege- bzw. Umbauarbeiten. Man drückt sich so lange davor, bis das Auto nicht mehr fährt und man gezwungen ist, den Schaden zu beheben. Die Differentiale zählen bei den Autos zu den wohl kompliziertesten Komponenten und diese wollen wir im speziellen für den Fahrzeugtyp Kyosho Inferno verständlich erklären.

Zuerst etwas Allgemeines zum Mysterium Differential: Was macht es, hab ich es auch, was passiert wenn ein Teil davon defekt ist

Ein Differential hat die Aufgabe, die Drehzahlunterschiede an angetriebenen Achsen auszugleichen. Ein Front- oder Heckgetriebenes Fahrzeug, auch 2WD genannt, kommt mit einem aus. Buggys und Truggys sind aber aus Traktionsgründen auf schlechtem oder/und steilem Untergrund meist Allradgetrieben, AWD oder 4WD. Bei einer Kurvenfahrt drehen sich aus physikalischen Gründen alle Räder unterschiedlich schnell. Ohne Differentiale müssten Starrachsen verbaut werden, was in jeder Kurve zu schlechtem und teils unkontrolliertem Fahrverhalten führen würde. Nach einiger Zeit wäre auch eine stärkere/ungleichmäßige Reifenabnützung zu erkennen, vor allem auf festeren Untergrund und Asphalt. Zusätzlich gibt es bei vielen Fahrzeugen noch ein Mitteldifferential, welches unterschiedlich Drehzahlen zwischen Vorder und Hinterachse ausgleicht.
Die zweite wichtige Aufgabe dieses von außen eher unscheinbaren und versteckten Bauteils besteht in einer Sperrwirkung. Wenn bei einem komplett ungesperrten Differential ein Rad in der Luft hängen sollte, geht die Kraft den geringsten Widerstand. Die Folge kann man gut bei den echten Autos sehen, wenn man im Winter in einer Parklücke festhängt und ein Rad durchdreht während das andere steht. Mit mehr oder weniger zähem Differentialöl erreicht man im Modellbau eine Sperrwirkung, sodass ein gewisser Anteil der Kraft trotzdem auf das stehende Rad wirkt und man so zumindest einen geringen Vortrieb hat, im besten Fall 50% = komplett gesperrt. Man muss also einen Kompromiss zwischen Traktion und Kurvenfahrten eingehen:
- Differentialöl mit geringer Viskosität (Zähigkeit) = wenig Sperrwirkung = agiles Kurvenfahren = schlechtere Traktion auf schlechtem Untergrund bzw. wenn ein Rad durchdreht
- Differential mit hoher Viskosität = höhere Sperrwirkung = gute Traktion bei schlechtem Untergrund bzw. hoher Motorleistung = Kurvenfahrten werden anspruchsvoller
Bei den 1:1 (Gelände)Autos gibt es etliche komplizierte Differentiale und sogar intelligente, die erkennen, an welchem Rad die Kraft übertragen werden kann und welches keine Traktion besitzt. Solche Systeme sind im Modellbau entweder sehr aufwendig=teuer bzw. unmöglich.
Es ist durchaus möglich, ohne Mitteldifferential auszukommen, natürlich wieder auf Kosten der Fahrdynamik. Bei einem Auto ohne Mitteldifferential beträgt die Kräfteverteilung 50:50 (Vorderachse:Hinterachse). Selbst wenn die Vorderräder keine Traktion haben, geht die halbe Kraft an die Hinterachse. Als Beispiel kann hier der Tamiya NitroCrusher genannt werden, bei dem wohl aus Kostengründen auf ein solches verzichtet wurde.
Sollte ein einziger Bauteil, sprich ein Zahnrad defekt sein, wird die Kraft falsch oder gar nicht mehr verteilt und das Auto hat schlechten bis keinen Vortrieb. Zusätzlich sollte man beim Gas geben hören, dass Zähne übersprungen werden bzw. nicht mehr ineinander greifen.

Nun zum Zerlegen und dem Innenleben dieser kleinen aber wichtigen Wunder der Technik. Der Ausbau beim Kyosho erfolgt laut Anleitung - es müssen etliche Schrauben gelöst werden, da der Antriebsstrang fest mit der Bodenplatte verbunden ist. Nach dem Ausbau des kompletten Antriebsstrangs wird man (hoffentlich) mindestens folgende Bauteile vorfinden:
- Getriebekasten vorne/hinten (Kunststoff) IF-112C
- Mitteldifferentialhalterung IF-131
- 2x Triebling IF-21
- 3x Differentialgehäuse IF-103
- Getriebeausgang vorne/hinten FM-101
- Getriebeausgang mitte FM-104
- Distanzscheiben BS-53
- außerdem Antriebsknochen vorne/hinten (Achtung geringer Längenunterschied), Bremssystem, Knochen links/rechts, Versteifungen, Schrauben
- Tellerrad am Front/Heckdifferential IF-106
- Hauptzahnrad am Mitteldifferential IF-148
- Kugellager BRG005

Unerfahrene Bastler sollten jedes Differential einzeln zerlegen, so werden Fehler beim Zusammenbau durch vermischte Teile verhindert
In jedem der drei Differentialgehäuse IF-103 befinden sich:
- 2 große Kegelräder, 2 oder 4 kleine Kegelräder und 2 Distanzscheiben aus dem Set IF-102
- 2 oder 4 Kegelzahnradwellen BS-107
- 2x Radmitnehmerstifte IF-110
- Oringe aus Gummi ORG04
- altes schmutziges Silikonöl

Nachdem man alles Auseinandergebaut hat, kann man mit der eigentliche Differentialwartung beginnen. Dazu werden alle Komponenten vom alten Öl befreit. Es reicht, diese mit einem Tuch abzuwischen. Danach sollten die Zahnräder und Oringe auf Risse bzw. Verformungen untersucht werden. Verformte Zähne verhindern das möglichst spiel/reibungsfreie Eingreifen der Zahnräder und müssen getauscht werden, da sonst ein baldiger Ausfall bevorsteht bzw. die noch nicht defekten Zahnräder auch in Mitleidenschaft gezogen werden. Sollten die Oringe abgerieben, gedehnt oder gar gerissen sein, wird das Differential im schlimmsten Fall Öl verlieren. Auch sie müssen rechtzeitig ersetzt werden. Abschließend sind noch die Kugellager zu reinigen bzw. kann man die höchstwahrscheinlich halb offenen (Schmutzanfällig) gegen geschlossene (weniger Schmutzanfällig) tauschen. Je leichtgängiger diese sind, desto weniger Reibung entsteht. Dies äußert sich sowohl durch geringere Hitzeentwicklung und dadurch längere Lebensdauer der Lager als auch durch einen mehr oder weniger großen Leistungszuwachs. Defekte oder schlecht gewartete Lager wirken wie eine Bremse. Nachdem dies alles geschehen ist, kann man mit dem Zusammensetzen beginnen.

Benötigte Teile für den Zusammenbau:
- alle ausgebauten Komponenten
- Differentialöl mit gewünschter Viskosität (siehe Absatz ganz unten)
- Getriebefett
- zum Aufrüsten von 2 auf 4 Kegelräder/Differential BS-107 und 2xIF-102

Info für die Leser, die wegen der Seite http://www.offroadrc.at/node/151 diese Information lesen:
Statt den 2 Kegelrädern kommen nun 4 ins Gehäuse. Die 2 zusätzlichen werden auf die Kegelzahnradwelle gesteckt, dabei auf die Distanzringe außen nicht vergessen! Ohne diese wäre ein hoher Verschleiß und damit ein schneller Defekt die Folge. Die zusätzliche Achse wird nun um 90° gedreht eingesetzt, die Einkerbungen der Kegelzahnradwellen müssen ineinander greifen.

Danach die restlichen Zahnräder einsetzen und soviel Differentialöl einfüllen, dass beim Aufsetzen des Hauptzahn- oder Tellerrades nichts unnötig ausläuft. Nach dem Zuschrauben erfolgt die Prüfung, ob die Zahnräder im inneren ordnungsgemäß eingreifen. Wenn an einem Ausgang vorsichtig links und rechts gedreht wird, muss sich die andere Seite fast ohne Spiel beim Richtungswechsel gegengleich drehen. Bei mehreren Umdrehungen in die gleiche Richtung sollte der notwendige Kraftaufwand konstant und ruckfrei sein.
Front- und Heckdifferential Ausdistanzieren und Zusammensetzen:
Anschließend wird das Differential in den Getriebekasten eingesetzt und das Spiel zwischen Triebling und Tellerrad überprüft. Dazu dienen die Distanzringe rechts und links am Diffausgang. Je eine Scheibe muss hinein, weitere nach Erfordernis. Die Scheiben rücken das Tellerrad und damit das komplette Differentialgehäuse näher zum Triebling. Um den Abstand zu Prüfen, wird das Getriebegehäuse geschlossen, festschrauben ist noch nicht notwendig. Nun wird der Triebling von außen gedreht und es darf wieder kein ruckendes einrasten der Zahnräder oder ein zu großes Spiel bemerkbar sein. Bei zu strengem Einrasten muss der Abstand zum Triebling durch hinzufügen einer dickeren oder mehreren dünnen Distanzscheibe links vergrößert werden, bei zuviel Spiel wird selbiges durch Zugabe auf der rechten Seite verringert (Bilder zum besseren Verständnis folgen). Nachdem der Abstand korrekt ist, müssen vor dem endgültigen Zuschrauben das Tellerrad und der Triebling durch Getriebefett geschmiert werden. Dies geschieht unter ständigem drehen bis ausreichend Fett auf beiden Zahnrädern ist aber nicht zuviel Fett auftragen und auf keinen Fall das ganze Gehäuse vollfüllen!
Mitteldifferential:
Hier entfällt das oben beschriebene Ausdistanzieren, da dies durch die Position des Motors erreicht wird. Der korrekte Abstand zwischen Kupplungsglocke (Ritzel) und Hauptzahnrad muss aber auch hier die richtige Mischung aus wenig Spiel und kaum fühl- oder gar deutlich hörbarem Einrasten sein. Es wird kein Fett außen auf dem Hauptzahnrad aufgetragen.
Anschließend können alle Teile laut Anleitung wieder zusammengebaut werden und das Service ist abgeschlossen. Je nach dem, wie viele Leute sich die Arbeit teilen, kann man durchaus mit 1h-2h Arbeit rechnen.

Differentialöl
Wie jedes Schmiermittel ist auch dies eine Wissenschaft für sich. Das verwendete Silikonöl dient zum Schmieren und auch teilweisen Sperren der Differentiale. Eine wenig unterschiedliche Viskosität wird für den "Ottonormalfahrer" zwischen 4000 und 10000 liegen. Wer wenig feinfühlig ist oder wenig fährt, wird wohl mit einem 6000er nicht falsch liegen und wahrscheinlich auch keinen Unterschied zu einem 4000er oder 8000er merken. Auch wir gehören zu dieser Gruppe und haben momentan ein 7000er in allen drei Differentialen eingefüllt. Die Profis haben meist viel zähflüssigeres Öl eingefüllt und verändern dieses je nach Streckentyp. Wie manche Leser bereits vermutet haben, befüllen sie auch jedes einzelne unterschiedlich, zB: 10000-8000-7000 (hinten-mitte-vorne)